Sonntag, 15. Januar 2012

Poverty and Crime


Wenn man nach einem Theaterbesuch die Fensterscheiben des Autos einer Freundin zerschlagen und das Portemonnaie gestohlen auffindet oder einem Freund das Handy an einer Bushaltestelle einfach aus der Hand gerissen wird  oder wenn man in eine Bar geht in der man dann erfährt, dass nachmittags noch zwei Personen davor erschossen worden sind, kann man schon den Eindruck bekommen das Cleveland etwas gefährlicher ist. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall. Auf der Liste der gefährlichsten Städte der USA ist Cleveland weit abgeschlagen noch hinter Washington und Miami. Und ich hab mich bisher auch noch nicht unsicher gefühlt, zumal es so etwas wie ein Ghetto hier auf der Westseite nicht gibt. Das was man hier dennoch an Kriminalität mitbekommt ist meist nur eine logische Folge aus einer Reihe von Problemen, die aus dem schwachen Sozialsystem und einem Mangel an Arbeit und Möglichkeiten hervorgehen.

Hier begegnet einem einfach eine ganz andere Form der Armut, wie man sie aus Deutschland so nicht kennt. Sie ist hier nichtmehr irgendwo auf dem Land inmitten der spießbürgerlichen Nachbarschaft hinter Fenstern mit zugezogenen Gardinen oder im 18. Stock eines Wohnblocks mit grauen Balkon versteckt, sondern sie ist offensichtlich. So offensichtlich dass man ihr jeden Tag bewusst ist.
Dass zum Beispiel jemand auf der Straße an dir vorbeiläuft und dich auch schon Mal ein wenig aufdringlicher fragt, ob du einen Dollar für ihn hast, ist ganz normaler Alltag. 



Aber ich finde es auch immer wieder erschreckend, wenn man sieht wie ganze Stadtteile einfach aufgegeben worden sind. Um die Ostseite der Stadt ist es zum Beispiel besonders schlecht bestellt: wie ausgestorben, scheinen manche Straßenzüge. Herabblätternde fade Farbe, verbarrikadierte Türen und eingeschlagene Fenster lassen vermuten dass hier schon lange keiner mehr wohnen will. Manchmal sind die Eingänge von einem Berg aus Geröll begraben, damit ja niemand Unerwünschtes das Haus betreten kann. Wer kann zieht weg. In die schöneren Vororte. Und wer nicht kann, der wird Zeuge vom weiteren Verfall, von der Gewalt und von einer schier ausweglosen Armut. Doch man braucht nur zwei Straßen weitergehen und plötzlich öffnet sich der urbane Kadaver und man sieht nett gestaltete, ausladende Bürgersteige und futuristisch anmutende Gebäudekomplexe die zu einem der weltbesten Krankenhäuser gehören.
Noch ergreifender habe ich es von meinem Besuch in Philadelphia in Erinnerung, wo abends der überdachte Bereich vor einem Supermarkt bis zum letzten Platz mit schlafenden Obdachlosen gefüllt war oder wo man jemanden im Schlafsack eingerollt inmitten auf dem Weg aus kaltem Granit vor einem prunkvollen Gebäude schlafen sieht. 

Das ist der Kontrast dem man in Amerika so oft begegnet!

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Trip to Georgia


Der Bustrip nach Georgia war ein besonderes Highlight während meiner Arbeit. Alljährlich organisiert meine Organisation zwei Busse, um an einem Protest teilzunehmen. 
Grund für den Protest ist eine Militärschule. Hier im Süden der USA werden seit Jahrzehnten alle möglichen Militärs und sogenanntes Sicherheitspersonal (oft Paramilitärs) aus Lateinamerika ausgebildet. Sie ist in das Visier etlicher Menschenrechtsorganisationen geraten, da dessen Absolventen besonders häufig für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind. Die Schule ist ein Überbleibsel aus dem kalten Krieg, als Amerika versuchte mit allen Mitteln den Kommunismus einzudämmen.  Heute dient die Ausbildung vor allem für den Drogenkrieg in Mexiko, Kolumbien und Zentralamerika.




Jährlich findet deshalb ein friedlicher Protest vor Toren in Fort Benning statt.
Mein erster Eindruck war: Ungefähr so nur ein wenig größer muss Woodstock gewesen sein. Die Stimmung war beeindruckend und lässt sich mit Peace, Love and Harmony ganz gut beschreiben. Zudem sind ein paar Bands aufgetreten, was dem Ganzen einen Festivalcharakter verliehen hat. Einige tausend Menschen aus allen Teilen der USA, Kanada und Lateinamerika strömten an mir vorbei, als ich die ersten Stunden Postkarten für IRTF verteilen durfte. Sehr unterschiedliche und interessante Menschen treffen hier zusammen: ein paar Hippies geben dir Free Hugs und Fussmassagen, während eine Frau die wahrscheinlich vor 40 Jahren im bunt bemalten VW Bulli selbst zum Woodstockkonzert gefahren ist, heute authentisch barfuß mit ihrem neuen Ipad ein paar meditierende tibetische Mönche filmt. Im nächsten Moment laufen ein paar Kriegsveteranen durchs Bild. Szenenwechsel: Ein paar Meter weiter sind einige junge Leute die ausgelassen zu Trommelrhythmen durch die Gegend tanzen und dem Geruch nach zu urteilen das Ganze nicht immer drogenfrei.



Den nächsten Tag war die Stimmung allerdings etwas anders. Es gab eine Zeremonie, um an all diejenigen, die bei Menschenrechtsverstößen der Absolventen ermordet wurden zu gedenken. Nach jedem Namen, der halbgesungen vorgetragen  wurde, antworteten tausende mit einem „Presente!“  (ich bin anwesend) und hielten ein weißes Kreuz hoch. Unter den Opfern sind Kinder, deren Familien und ganze Dörfer. Mehrere Stunden hat die Prozession gedauert, bis alle ihre Kreuze in den meterhohen Zaun vor der Militärbasis gesteckt haben. Es war eines der bedrückendsten, aber auch eindrucksvollsten Erfahrungen in den USA.
















Montag, 28. November 2011

Work


Hab hier jetzt schon länger nichts mehr von mir hören lassen und der Halbjahresbericht für ASF muss bald fertig sein, also nutze ich die Gelegenheit ein paar Dinge für euch niederzuschreiben.
IRTF (InterReligious Task Force on Central America) ist eine sehr kleine Organisation mit nur zwei fest angestellten Personen, meinem Chef Brian und Sarah. Sie wurde vor 30 Jahren gegründet nachdem zwei Schwestern aus Cleveland in El Salvador von Militärs vergewaltigt und umgebracht worden sind. Sie setzt sich seitdem für mehr soziale und wirtschaftliche  Gerechtigkeit sowie für Menschenrechte in Zentralamerika ein.

Brian und Sarah in unserem leicht chaotisch anmutenden Büro bei einem Meeting.

Aber was genau muss man sich darunter vorstellen und wie sieht die Arbeit aus?
Tatsächlich ist es sehr interessant und abwechslungsreich und man verliert nie das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun. Im Folgenden werde ich euch einen kleinen Einblick in meine wichtigsten Aufgaben  geben und ein wenig zu den inhaltlichen Aspekten meiner Arbeit erzählen.

Faxen und Hintergrund

An meinem ersten Arbeitstag wurde ich gleich in die hohe Kunst des – im Zeitalter von Internet und Emails zwar leicht angestaubten, aber umso effektiveren – Faxens eingewiesen, welches von da an eines meiner Hauptaufgaben werden sollte. Dies ist Bestandteil eines Rapid Response Netzwerks durch den Politiker, Organisationen und Richter von Bedrohungen, Ermordungen und andere Menschenrechtsverletzungen möglichst zeitnah unterrichtet werden sollen. Diese Briefe lesen sich häufig wie ein Skript zu einem Krimi, wenn z.B. chronologisch aufgelistet wird, wie jemand für Monate bedroht, und schließlich von einem Motorrad verfolgt und erschossen wird. Unterschiedliche Faktoren führen dazu, dass es zwischen Mexiko und Kolumbien eine besonders hohe Rate an politisch und wirtschaftlich motivierten Morden gibt. Zum einen gibt es eine sehr starke Ungleichverteilung an Land und Wohlhaben. Eine kleine Elite von einer Hand voll Familien besitzt alles, von den bedeutendsten Firmen und den größten Landflächen, bis hin zu den Medien und zur politischen Macht. Und zum anderen gibt es eine sehr hohe Militarisierung. Sie wurde vor allem von den USA zur Eindämmung des Kommunismus vorangetrieben. Man kann sagen, dass diese Faktoren maßgeblich dazu beigetragen haben, neben zum Teil schonungslosen und folternden Staatsgewalten, auch etliche nationalistische Paramilitärs herauszubilden. Sie und ihr Pendant, die linken Guerillas, bekämpfen sich in brutalster Weise und terrorisieren Teile der der Bevölkerung. Abgesehen davon, dass die Mordrate in Zentralamerika generell sehr hoch ist, gibt es Gruppen die besonders gefährlich leben.
(1) Gewerkschaftler, (2) indigene Völker, sogenannte Compasinos, die für die nächste große Palmölplantage nicht von ihrem Land weichen wollen, (3) Umweltaktivisten, die den Mienen und damit auch den Paramilitärs, die Schutzgelder von ihnen beziehen, das Geschäft versauen könnten und (4) jede Art von Menschenrechtler oder Person die zu viel weiß oder sagt. Alleine zu den landesweiten lokalen Wahlen in Kolumbien sind 41 Kandidaten umgebracht worden. Den meisten Medien ist das nicht einmal einen Nebensatz wert. Die ersten Tage wäre ich manchmal am liebsten einfach raus auf die Straße gerannt, nur um jedem Menschen zu erzählen wie viel Ungerechtigkeit es irgendwo auf dieser Welt gibt.

Newsletter und Telefon

Ein anderer großer Arbeitsbereich ist das Verfassen von Newsletters zu unterschiedlichen Topics. Dies ist am Anfang eine gute Möglichkeit gewesen, um sich mit den Thematiken und den Hintergründen bekannt zu machen. Jede Woche gibt es zudem, zu einem der Topics ein abendliches zweistündiges Treffen mit denen wir versuchen, unsere Unterstützer mehr an unserer Arbeit teilhaben zu lassen und mit denen wir für sie die Möglichkeit bieten, aktiv zu werden. Dazu rufe ich alle möglichen Leute an, um sie zu diesen Treffen einzuladen. Generell ist das Telefon neben dem PC mein wichtigstes Arbeitswerkzeug. Ich nehme alle Telefonanrufe entgegen,  promote Veranstaltungen oder versuche Freiwillige für unsere Fair Trade Verkäufe an den Wochenenden zu finden. Wenn ich nicht erfolgreich war, muss ich den Job übernehmen. Das war bis jetzt zum Glück nicht oft der Fall, aber dürfte sich ab nächster Woche ändern. Dann sind teilweise 5 Unterschiedliche Shows für ein Wochenende angesagt.

Also, ihr seht mir wird nie langweilig. Besonders zu dieser Jahreszeit gibt es viel zu tun für mich. Werde euch in den kommenden Tagen  dann auch von meinem Trip nach Georgia und anderen Veranstaltungen und Aktionen mit IRTF berichten.


Freitag, 7. Oktober 2011

All about Cleveland!

Ich lebe für das Jahr in Cleveland in einer Lebensgemeinschaft mit sozial benachteiligten Menschen und anderen Freiwilligen zusammen im Catholic Worker House. Auf jeden Fall ist es nicht die tpisch amerikanische Seite des Lebens die ich hier kennen lernen werde. 
Schwerindustrie - nicht mein Haus:)
Das Leben in der Community ist bescheiden. Die Meisten sind in viele soziale Projekte eingebunden. Denn Cleveland ist die zweitärmste Großstadt in den USA. Nur Detroit ist noch ärmer. Beide Städte teilen das Schicksal des enormen Rückgangs der Schwerindustrie in den 70er Jahren im heute sogenannten rust belt. Einst hat in dieser Stadt Rockefeller, der erste Milliardär der Welt, sein Reichtum angehäuft. In diesen Zeiten war Cleveland noch mitten im manufacturing belt, dem besten Wirtschaftsplatz in den USA, der vor allem durch die Kohle und Stahlindustrie boomte.  Doch all das hatte seinen Preis: Zum Beispiel ist der Cuyahoga River, der durch Celveland fließt, der einzige Fluss der jemals zweimal gebrannt hat. Und dafür bedarf es schon einer ziemlich erhöhten Konzentration an Chemie und Abfall im Wasser. Das erfuhr ich übrigens, als ich das bitterste Bier der Welt namens Burning River probiert habe. Inzwischen ist er aber einer der reinsten Flüsse in Amerika. Dennoch ist das Leitungswasser hier nicht das Beste. Es wird hier enorm viel gechlort, was aber niemanden weiter stört, denn zu jedem Essen gibt es ein paar große Kannen Chlorwasser. Keiner kann verstehen dass ich mir extra Wasser kaufe. In ein paar Wochen würde ich das Chlor nicht mehr schmecken. Ich bin ja mal gespannt. 

Je nachdem welchen Wasserhahn man nimmt, bekommt das Wasser zudem einen leicht metallischen Geschmack. Es liegt vor allem an den schlechten uralten Leitungen die überall verbaut sind und seit hundert Jahren nicht gewechselt wurden. Denn so etwas wie Instandhaltung ist unter den Amerikanern nicht ganz so populär wie in Deutschland. Das trägt unter anderem nicht gerade zur Verschönerung des Stadtbildes bei. Denn an jedem Straßenrand gibt es hölzerne Strommasten, die unter der schweren Last eines tief durchhängenden Kabelgewirrs teilweise schon kurz vorm umfallen sind. Das Gewirr zieht sich durch alle Straßen mit Abzweigungen zu den Häusern an dessen Hauswänden die Unordnung häufig ihren phänomenalen Höhepunkt zu finden scheint. Ich frag mich, wieso kann man so etwas extrem Hässliches nicht einfach in geordneten Bahnen unter die Erde legen?

gibt schöneres


Kälte


Die hässlichste Nachbarschaft ist es übrigens nicht in der ich lebe, denn das richtige Ghetto liegt in anderen Stadtteilen. Aber ist meine Community bewohnt trotzdem ein für unsere Verhältnisse sehr heruntergekommenes, altes Haus. Merkwürdige Gerüche, die ich inzwischen gar nicht mehr wahrnehme, haben mich am ersten Abend im Hausflur begrüßt. Das gesamte Haus ist sehr schlecht isoliert, manche Fenster haben so enorme Spaltmaße, dass das Lüften überflüssig wird. Und es wird verdammt kalt im Winter. Eine kurze Kostprobe auf Bevorstehendes war mir schon gegönnt, als die Temperaturen für kurze Zeit unter 10 Grad gefallen sind. Man friert sich den Arsch ab selbst wenn man mit der dicksten Winterjacke im Haus rumläuft. Und übliche Temperaturen im Winter sind -20°. Wenn es soweit ist wird die Heizung wenigstens ein bisschen Wärme spenden, aber um Kosten zu sparen wird sie erst Ende November angeschaltet. Solange heißt, es auf gutes Wetter hoffen. 

Bettgesellen
Außerdem gibt es in dem Haus bed bugs, zu deutsch Bettwanzen. Eigentlich galten sie schon fast für ausgestorben doch zurzeit breiten sie sich vor allem in Amerika aus. Sie kommen nachts aus ihren Verstecken raus in dein Bett und saugen dein Blut. Sie haben einen typischen süßlichen Geruch den sie verbreiten. Das Tragische ist, dass sie sogar von einem meiner Vorgänger nach einem Hostelbesuch eingetragen wurde und es ist nahezu unmöglich sie wieder rauszubekommen. Der Kammerjäger würde über 13000 Dollar kosten und von dem Geld kann man sich in Cleveland ein neues Haus kaufen. Meine erste Bekanntschaft habe ich in der zweiten Nacht gemacht. Als ich morgens um 5 Uhr aufgewacht bin (das ist ihre Fresszeit) und zwei von denen in meinem Bett sind. Ich liege schon extra auf einer Luftmatratze (da fühlen sie sich nicht so wohl), die mit zwei Verteidigungslinien von doppelseitigen Klebeband umspannt ist, aber irgendwie mussten es die Viecher geschafft haben. Meine Verteidigungsstrategie geht nun also über in den Angriff. Und auf einmal sehe ich sie überall, in jeder Ecke lauern und ich kille jede einzelne Wanze, indem ich eine nach dem anderen zerdrücke. Dabei geben sie einen widerlichen Geruch ab. An Schlafen war nicht mehr zu denken. Am nächsten Morgen habe ich den ganzen Raum von Grund auf gereinigt und in jede Ecke und Ritze Tonnen von Chemikalien versprüht und ein spezielles Puder verteilt. Wenn ich deshalb ein paar Tage weniger leben sollte, dann wars mir das Wert. Die nächsten Nächte habe ich mir meinen Wecker sogar extra um 5 Uhr gestellt, um auch noch die Letzten zu Töten. Und meine Taktik ist bis jetzt erfolgreich. Fürs erste sind sie gedämmt. Meine Türschwelle – völlig in weiß gepudert – ist nun meine letzte Verteidigungsfront.

Großstadtidylle



Das Photo ist aus dem Badezimmerfenster raus entstanden
Abgesehen von den paar Problemen, kann die Umgebung aber sehr idyllisch sein. Gegenüber ist eine große Kirche mit einer weiten Rasenfläche davor. In der abendlichen Sonne spielen manchmal Kids Football. Und Cleveland hat seine eigene Eichhörnchenrasse, die hier zusammen mit hunderten Spatzen die ganze Wiese füllen können, wenn sie jemand mit ein paar Bortresten füttert. Direkt vor dem Haus ist ein kleiner wilder Vorgarten mit einer riesige  Blütenpracht verschiedenster Blumen in allen möglihcen Farben. Bei warmen Wetter kann man sich einfach auf die Bank setzen und den vielen Bienen bei ihrer emsigen Nektarsuche zusehen. Und wenn ich abends was trinken und ein bisschen feiern will, dann sind gleich in der Nähe einige Bars.
Zum Abschluss noch ein paar Eindrücke von Cleveland:







Dienstag, 4. Oktober 2011

Der Hinflug

Gefräßiger Bankautomat

Nachdem ich noch zwei Wochen in Berlin verbracht habe, natürlich nicht ohne die ein oder andere Sehenswürdigkeit abzuklappern und die großartige Nachtszene kennenzulernen, bin ich endlich zu meinem Flug nach Cleveland aufgebrochen. Der Tag begann erst einmal damit, dass ich am Flughafen noch ein wenig Geld abheben wollte und statt mir das Geld rauszurücken, hat der Automat einfach meine Karte geschluckt. Ich rufe sofort Max, meinen Klassenkamerad aus der ersten Klasse und gleichzeitig auch besten Kundenberater der Sparkasse an. Und ich werde beruhigt, dass das alles kein Problem ist. Die Karte wird zu denen gesendet und dann kann er sie mir nach Amerika hinterherschicken.



Lufthansa


Der Flug ging erstmal über Düsseldorf und dann nach Toronto. Ich bin übrigens mit Lufthansa geflogen und ich muss sagen, jeder Flug mit Turkish Airline ist bis jetzt besser gewesen. Das Sicherheitsvideo war fast gar nicht verständlich und bestand mehr aus ohrenbetäubendem Knacken und Knistern. Auf dem Bildschirm waren nach 10000-fachem Abspulen des Videos nur noch Pixelfragmente zu erkennen. Zudem waren die Anschlüsse für meine Kopfhörer dank eines nervigen Wackelkontakts nur unter ganz bestimmten Winkeln benutzbar, was bedeutete, dass ich es die ganze Zeit festhalten musst und nur in ziemlich unbequemen Positionen Filme sehen konnte. War halt nicht das neuste Flugzeug. Aber wie kleinlich diese Probleme tatsächlich waren, sollte mir nur wenige Stunden später bewusst werden. 

 Aufenthaltsgenehmigung

Ich hatte zwar bereits das Visum aber, benötigte für die Einreise zusätzlich einen Stempel für die Aufenthaltsgenehmigung. Diese bekam ich in Toronto aber erst nachdem ich in einen Special Raum sondiert einige Fragen beantwortet und viel Zeit mit warten verbracht habe. Meine Sicherheitsbeamte war sehr gemächlich (sie war dann mal über ne halbe Stunde weg um vom Supervisor einen Stempel zu bekommen). Die Folge war, dass ich meinen Flug nicht mehr bekommen konnte.
Aber das muss man den Amerikanern lassen, wenn sie auch manchmal um einiges bequemer als wir Europäer erscheinen, so sind sie doch auch oft unkomplizierter. Wenn man einen Flug verpasst hat, ist das kein Problem, man bekommt einfach einen Platz für den nächsten Flug und man muss nicht mal eine Umbuchungsgebühr bezahlen. Außerdem eine weitere Annehmlichkeit, die ich in Deutschland zu oft vermisse: Ich wurde überall mit freiem W-Lan begrüßt.

Turbulenzen


Der Flug von Toronto nach Cleveland war dann nur noch eine sehr kurze Strecke über den Erie-See. Eine Stunde Flugzeit mit einer kleinen Propellermaschine. Allerdings war es wirklich ein historisches Modell, welches ich ohne zu übertreiben auf 50 Jahre schätzen würde. Als einzige Sicherheitserklärung erfahr ich von einer älteren gelangweilten Flugbegleiterin, dass es für den Notfall zwei Exit-Türen gibt. Immerhin sitze ich neben einer. Ein leichtes Gefühl von Sicherheit kommt in mir auf. Diese ist aber nicht von langer Dauer, denn natürlich musste es Turbulenzen geben.
Plötzlich werde ich heftig durchgeschüttelt, dann flackert das Licht und über mir an der Decke fängt es an laut zu pfeifen. Der Spuk ging über 10 min und Ihr könnt mir wirklich glauben, in diesem Moment habe ich mir alle möglichen Szenarien ausgemalt, wie man seine Überlebenschancen bei freiem Fall auf offener See erhöhen kann.
Ich war noch nie so froh, wieder festen Boden unter meinen Füßen zu haben, wie nach diesem abenteuerlichen Flug!

UND: Ich hab es endlich geschafft, ich bin in Amerika!
 

Sonntag, 11. September 2011

PLAN B - Amerika ich komme!!

Abreise ohne mich
Neun Tage Vorbereitungsseminar in Hirschluch, einer in idyllischer Natur gelegenen Jugendbegegnungsstätte,  habe ich inzwischen hinter mir. Allerdings sei erwähnt, dass es eine täuschende Idylle war, welche  durch das enorm hohe Mückenaufkommen von durchschnittlich 100 blutrünstigen Saugern pro Kubikmeter Luft und mindestens 20 Stichen pro Tag gestört wurde. Sie waren stets Begleiter meiner Aktivitäten, haben beim Blutsaugen völlig entspannt meinen Gesprächen gelauscht. Sie wollten abends noch mit mir unter die Bettdecke kriechen und sind netterweise wachgeblieben während ich geschlafen habe. Selbst beim Duschen und auf Toilettengängen kannten sie keine Privatsphäre. Es war eine ganz besondere Form der Hassliebe die uns verband. 
Also nach diesen neun Tagen des Leidens, aber auch des sich gegenseitig Kennenlernens - nicht nur mit den Mücken, sondern auch mit vielen netten Leuten - und nach neun Tagen des Wartens - ohne auch nur eine Neuigkeit von der US-Botschaft bezüglich des Visums erhalten zu haben - musste ich mich vorgestern schweren Herzens bei den anderen USA-Freiwilligen um 5 Uhr morgens verabschieden. Über eine Woche hatte ich mich jetzt in unterschiedlichen Workshops auf mein Jahr vorbereitet, bin mit der USA-Gruppe zusammen gewachsen und die Vorfreude wurde natürlich immer größer. Und umso merkwürdiger war dann das Gefühl, nicht mit in den Bus Richtung Flughafen zu steigen. Aber ich habe allen versprochen, dass ich auf jeden Fall nachkommen werde. Ein mutiges Versprechen...


Hangover
Hätte ich gewusst, dass ich den nächsten Tag mit einem unglaublichen Kater mit hundert Kilo Gepäck durch ein verregnetes Berlin wandern würde, wäre mein Alkoholkonsum an diesem Abend sicher nicht ganz so stark ausgefallen. Der enorme Schlafmangel hat mir dann noch den Rest gegeben. Ich war eine wandelnde Leiche gefangen in Berlins U-Bahn Dschungel.

ASF hat sich inzwischen um eine Unterkunft bei einer ehemaligen Freiwilligen, die mit ihrem 18-jährigen Sohn in Berlin lebt, gekümmert und ich sollte mich um 16 Uhr bei ihr einfinden. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr genau, wie ich es in meinem Zustand geschafft habe, aber irgendwann stand ich tatsächlich vor dem richtigen Haus. Das Problem war jedoch, dass ich grade nicht den Nachnamen von meiner "Gastmutter" Marita im Kopf hatte und am Hauseingang von 50 unterschiedlichen Klingelschilder mit 50 verschiedenen Nachnamen empfangen werde. Völlig erschöpft ruh ich mich erstmal aus und versuche mich fieberhaft daran zu erinnern, ob und welcher Name in der Mail mit allen Infos zu meine Unterkunft denn gestanden haben mag. Ein junger Student, nicht unwesentlich älter als ich, unterbricht meine Grübeleien, als er grade ins Haus gehen will. Netterweise kann ich sein Handy benutzen um die Mail nochmal zu checken. 

Und nein, es steht tatsächlich kein Name in der Mail. Aber dafür entdeckte ich eine höchst interessante Mail von der Visa-Abteilung:

We have completed the processing of your visa application. 



Und BÄÄHM das war der Satz auf den ich 3 Monate lang gewartet habe. Alle Probleme waren erstmal vergessen. Ich muss nicht nach Belgien und in den Kellern irgendeines Museumsarchives schmoren!! (Das wäre Plan C gewesen.) Und in zwei Wochen werde ich mich bereits ein paar tausend Meter über dem Atlantischen Ozean in einer gepflegten A380-Maschine auf dem Weg nach Amerika befinden. Egal welche Gründe (9/11 ?!) auch immer dazu geführt mögen haben, dass man mich hat solange warten lassen, ich freue mich jetzt umso mehr, bald Cleveland meinen Wohnort nennen zu dürfen. Soviel steht fest: Es wird sicher kein langweiliges Jahr werden.


Und schließlich musste ich die Nacht auch nicht auf der Straße verbringen - der Name ließ sich noch ausfindig machen. Das wars erstmal von mir und bitte gewöhnt euch nicht an das Format, die nächsten Einträge werden definitiv kürzer!



DICHTER ALS DENKER


Mittwoch, 31. August 2011

Plan A, B oder C

Ich habe ein kleines Problem. Nein, eigentlich sogar ein ziemlich großes. Eines welches unglaublich entscheidend ist für meinen Bundesfreiwilligendienst, welchen ich bei ASF für ein Jahr zu absolvieren beabsichtige. Es hat auch nichts mit dem immer noch ungeklärten Problem zu tun, ob es, wie bei den Diensten, denen schon viele Generationen vor mir nachgegangen sind, noch Kindergeld gibt - nein, das ist nur eine kleine Lappalie, welche sich zum Ende des Jahres klären wird. Okay ich gebe zu, 180 Euro im Monat haben oder nicht haben ist nicht unbedingt für jeden eine Lappalie und ich hoffe, dass sich noch alles zum Guten für uns Freiwillige wendet.... Aber dennoch: Mein Problem ist von wesentlich größerer Bedeutung und stellt alles andere in den Schatten.


Alles begann am 16. Juni 2011. Ein dramatischer Tag. Meine Erklärung: Ich bin grad erst von einem romatischen Pfingstwochenende mit meiner Freundin in Prag nach Hause gekommen und schon gehts nach Berlin. Wahrscheinlich schwebten in meinem Gehirn noch rosa Wölkchen, anstatt die Packliste für Berlin, denn wie es das Schicksal so will habe ich die allerwichtigsten Dokumente, den Reisepass und das Passfoto vergessen. Ganz schlecht wenn man zur amerikanische Botschaft will um ein Visum zu beantragen.
Zum Glück mussten wir schon einen Tag vorher in Berlin sein. Meine Übernachtungsmöglichkeit bei Moritz in einer typischen Berliner Altbauwohnung war hervorragend. So blieb immerhin noch Zeit mein Schicksal in die Hand zu nehmen. Und ich möchte auch gar nicht weiter auf dieses dunkle und traurige Kapitel meiner Geschichte eingehen, aber Torgens und Moritz Unterstützung sei Dank, hat dann doch noch alles geklappt. Ihr habt einen Gut bei mir!


Also Reisepass, Passbild und tausend Unterlagen von der Organisation, alles dabei! Mein Name wird aufgerufen, ich darf zum Schalter, gebe meine Unterlagen ab, dann zum nächsten Schalter, Fingerabdrücke werden genommen und der Beamte fragt zum Schluss noch nett warum ich mit ASF in die USA gehe. Schon während er diese Frage stellt hält er meinen Reisepass in der einen und einen roten Zettel in der anderen Hand und noch während ich brav seine Frage beantworte, schiebt er mir die Dokumente über das Sicherheitsfach rüber.


Leider können wir ihren Antrag heute noch nicht bearbeiten!


Seitdem warte ich.... Ich habe zig Mails geschrieben, habe für 1,80 die Minute überteuerte Servicehotlines angerufen. Das einzige was mir gesagt werden konnte ist, dass es sich um eine Sicherheitsüberprüfung handelt.
Bin ich denn gefährlich??? Ist es mein Nachname? Sind es die beiden Stempel im Reisepass die ich von meinen Jordanien-Besuchen bekommen habe? Sehe ich aus wie ein Terrorist? Vermutlich wird jedes Telefongespräch, jeder Chat, jeder Internetbesuch, einfach jeder Schritt vom CIA beobachtet. Falls das der Fall ist, dürft ihr mir gerne in den Kommentaren schreiben, weshalb es unmöglich ist, dass ich ein Terrorist bin.


Angesichts dessen, dass ich das Visum vermutlich nicht mehr bis zum Abflug erhalten werde, gibt es jetzt drei Pläne, die ich mit ASF durchgesprochen habe:


Plan A: Ich bekomme das Visum noch rechtzeitig. In zehn Tagen ist Abflug, es könnte noch klappen.
Plan B: Ich bleibe noch für ein paar Wochen in Berlin, warte weiter komme dann später. Nach 3 Monaten sollte die CIA festgestellt habe, dass ich den USA nichts böses will.
Plan C: Die CIA sind einfach unfähig und sollten sich um echte Terroristen kümmern. Ich werde stattdessen in ein anderes Projekt kommen, eventuell nach Frankreich.
Das wäre aber auch die allerallerletzte Option; mein Traum ist und bleibt Amerika!!!


Drückt mir die Daumen, dass noch alles klappt!
Ich berichte euch sobald es was neues gibt.


Euer Karl